Archiv für Oktober 2009

Warte

aus der neuen Ausgabe der BARRIKADE zwo
Material zum »Fall StD. Dr. Joachim Paschen, Historiker« (1. Folge)

Von der Hamburger Warte zum Berliner Fridericus

Der ‚Arbeiter der Stirn’ F.C. Holtz, der nach seinem Kolonialeinsatz (1901 in Tsientsin – mit Teilnahme an der Niederschlagung des Boxeraufstandes) kriegsuntauglich bei Beginn des I. Weltkriges war, meldete sich freiwillig an die Front gegen Frankreich und wurde als Militärjournalist der mobilen Zeitung Schützengraben eingesetzt. Ende 1918 kehrte er in seine Vaterstadt Hamburg zurück mußte die Folgen der Revolution ertragen – und rebellierte aufgrund seiner Erzeihung und seiner antidemokratischen und antisemtischen Gesinnung gegen den ‚Aufstand des Pöbels’. Die Revolution der Kieler Matrosen und Hamburger linksradikaler Arbeiter war ihm ein Dorn im Auge.

Am 14. Dezember 1918 erschien bereits die erste Ausgabe seiner »politischen Kampfschrift« – die Hamburger Warte als Wochenzeitung im kleinen Format mit 4 Seiten Umfang und einer Druckauflage von 3.000 Exemplaren. (1)
Schnell wurde F.C. Holtz zum »bestgehassten Journalisten der Hamburger Nachkriegszeit« (Sembritzki). In der dritten Ausgabe des 2. Jahrganges (Nr. 11 vom Mittwoch, dem 12. März 1919) rechnet er mit dem Hamburger »Dikator Laufenberg« ab – seine berühmt-berüchtigte Anklageschrift gegen den Vorsitzenden des A.-u.-S.-Rates. Vier Tage vor den Bürgerschaftswahlen vom 16. März 1919 verhilft er mit dieser Sonderausgabe der SPD zur absolute Mehrheit mit 50,5 %. Die Auflage liegt bereits bei 41.000 Exemplaren und steigt bis zum Sommer 1919 auf 50.000.

warte1919
Holtz ist seit 1919 Vorsitzender des Deutschen Bismarckbund (seit 1920 Bismarck-Jugend), der DNVP-eigenen paramilitärische Organisation, die als Saalschutz straff militärisch organisiert war. »Am 23. Januar 1921 verprügelt der Jung-Bismarckbund« bei einer Saalschlacht »etwa 200 Radaumacher, die eine vaterländische Kundgebung des Bundes im Conventgarten störten« (Aus meiner gelben Mappe, 1921). Die angreifende »roten Garde Hamburg, die Bolschewisten wurden windelweich gedroschen …« (Holtz – Haut ihm! 1934)

Kapp-Putsch

»Die Bahrenfelder Zeitfreiwilligen hatten am Sonnabendabend auf Befehl des Garnisonsältesten Frhr. V. Wangenheim, der sich für die Kapp-Regierung erklärte und gleichzeitig seine Übernahme der vollziehenden Macht über Hamburg proklamiert hatte, das Stadtzentrum besetzt. Am Sonntag früh jedoch wurden sie durch ein großes Aufgebot der Hamburger Sicherheitswehr und der Polizei zum Rückzug nach Altona gezwungen. Am Sonntagabend wurde auf Anordnung des Senats, der Herausgeber der Hamburger Warte, F.C. Holtz, einer der prominentesten antisemitischen Agitatoren des DNVP-Landesverbandes, von den Sicherheitsmannschaften in Schutzjaft genommen und dann wegen Hochverrats verhaftet. Etwa 150.000 Flugblätter wüster antisemitischen Inhalt wurden beschlagnahmt, wie auch etwa 100.000 weitere, in denen zur Unterstützung der Kapp-Regierung aufgefordert wurde.« (2)

Nach dem Kapp-Putsch 1920 steigt die Auflage auf 70.000 und Ende 1921 soll sie bereits 80.000 Stück betragen haben.
In weiser Voraussicht vor einem weiteren Verbot seiner Hetzpostille gründet Holtz Anfang 1922 schnell noch eine zweite »vaterländische Wochenschrift« – die Deutsche Fackel in Berlin als Nebenzeitung der Warte.

Im Juni 1922 erfolgt dann aufgrund des Republikschutzgesetztes ein sechs monatiges Verbot durch die SPD-Regierung in Hamburg. Grund war Holtz’ Hetzartikel zum Rathenau-Mord. Die Hamburger Warte (letzte Ausgabe Nr. 26 vom 24.6.1922) und das Hamburger Tageblatt werden verboten, ebenso natürlich die parteikommunistische Hamburger Volkszeitung und auch der anarchistische Alarm (siehe entsprechenden Artikel). Verbotsgrund ist der § 9 des Gesetzes über den Belagerungszustand: »Im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung« werden u.a. zwanzig rechtsradikale und völkische Organisationen und Zeitungen verboten.

In der ‚Hauptstadt der Bewegung‘
F.C. Holtz entzog sich kurzerhand dem Publikationsverbot und flüchtete nach München. Dort gibt er ab der Nummer 22/1922 [Juni] eine neue Wochenzeitung heraus – den Fridericus (Spitzname des preußischen Königs Friedrich II., der Alte Fritz, 1712-1786). Dies ist die Fortführung der Hamburger Warte mit Schützenhilfe der München-Augsburger Abendzeitung, die ihm die erste Ausgabe auf Kredit druckt (3). Zur Tarnung fingiert eine Frau Dr. Edith Vasek als Verlegerin (die er kurzerhand zu Dr. E. Vasek macht), er selbst schreibt unter Pseudonymen weiter wie bisher und läßt das neue Blättchen kofferweise nach Hamburg »durch Freunde« transportieren. Im Oktober ist er jedoch (natürlich erneut »völlig mittellos und pleite«) wieder in Hamburg. Im Dezember geht im Fridericus der seit Juli erscheinende Sachsen-Spiegel, Dresden und auch Am Stachus, München, auf. Ende 1922 löst er den Verlag Hamburger Warte G.m.b.H. auf und siedelt nach Berlin um. Ab Anfang 1923 erfolgt die Zusammenlegung mit seiner dortigen Zeitung Deutschen Fackel im Verlag Fridericus F.C. Holtz.

F.C. Holtz kandidiert in Berlin 1927/28 erfolglos für ein DNVP-Reichtstagsmandat. (4)

Anfang Oktober 1929 war Holtz in Hamburg an der Gründung der Gewerkschaft Deutsche Hilfe beteiligt, damit »den Gewerkschaften der Roten die Spitze geboten werde«. Daneben gab es in den Räumen des Fridericus in der Fridrichstraße 100 in Berlin noch den Bund Deutsche Hilfe. Ziel von Holtz war es, den immer weiter »verelenden« bürgerlichen Mittelstand« von der »politischen Wirtschaftsknebelung« zu bewahren und ihn zum Widerstand aufzufordern und seinem Antisemitismus zu frönen. (5)

Holtz bleibt seiner deutschvölkischen und antisemitischen Tradition treu. Zwar verkauft er 1929 den Titel Hamburger Warte nicht an die Hamburger NSDAP (sie nannte ihre neue Zeitung deswegen Hansische Warte (6)), denn er hatte bereits eine feste Rubrik Hamburger Warte in seiner reichsweit vertriebenen Wochenschrift Fridericus.

F.C. Holtz veröffentlichte in seinem Todesjahr 1939 in Berlin noch ein weiteres Buch Nacht der Nation. Seine Zeitung ‚erfreute’ sich bis zur Einstellung mit der Ausgabe 11 im Jahre 1943 (Papiermangel) eines längeren Lebens.

In Hamburg und anderswo sind die ersten zehn Ausgaben der Hamburger Warte nicht verfügbar bzw. »für die Benutzung gesperrt« (Uni-Bibliothek). Sicherlich ist Paschen aufgrund seiner Person an diese Ausgaben herangekommen oder hätte es können. Aber vielleicht hat er es sich auch leichter gemacht, denn er zitiert die Ausgaben 1 und 2 vom 14.12. und 28.12.1918 (S. 72) und die Nr. 3 vom 18.1.1919 (S. 100) und die Nr. 7 vom 15.2.1919 (S. 132), diese Textstellen stehen aber auch in der öffentlich zugänglichen Nr. 11 vom 12.3.1919. Danach folgt dann die Erwähnung der letzten in Hamburg vorliegenden Nr. 28 vom 5. Juli 1919. Die dazwischen erschienen Ausgaben hat er wohl nicht in der Universitätsbibliothek gelesen, wozu auch? Die Revolution war ja niedergeschlagen.

Dennoch weiß er ganz genau, welche Rolle F.C. Holtz weiter gespielt hat, denn er zitiert dessen Büchlein Haut ihm! (Paschen macht daraus Haut ihn!) aus dem Jahre 1934, verlegt nach der Masche Aus meiner gelben Mappe von 1921 … erwähnen tut er diesen reaktionären Deutschvölkischen jedoch nicht in seinem ‚Epilog über die Personen des Dramas’. Er hätte sich damit wohl zu offenkundig verraten.

fm

Quellen:
(1) Werner Sembritzki – Das politische Zeitungswesen in Hamburg von der Novemberrevolution bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme. Untersuchungen zur Geschichte des liberalen Pressesystems. Leipzig 1944

(2) Jan Striesow, Die Deutschnationale Volkspartei und die Völkisch-Radikalen 1918-1922, Band 2, Frankfurt/Main, 1981 – als Quelle werden hierzu die Hamburger Nachrichten vom 13. bis 18. März 1920 angegeben. – zitiert nach Fußnote 92 (S. 558)

(3) München-Augsburger Abendzeitung ging 1920, finanziert durch alldeutsche und deutschnationale Kreise, an den Hugenberg-Konzern über und galt als Sprachrohr der Deutschnationalen Volkspartei. Die Leitung übernahm im Auftrag Alfred Hugenbergs (DNVP, 1865-1951) 1921 der evangelische Pastor Gottfried Traub (1869-1956), Mitbegründer der Deutschen Vaterlandspartei (DVLP) und der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP)

(4) Heinrich Laufenberg, Die Harpune, Nr. 1 vom 15. Januar 1927

(5) Fridericus Nr. 50 – 2. Dezember-Ausgabe 1929 – Seite 2

(6) 1928 erschien neben der Hansischen Warte eine zweite NS-Zeitung, das Hamburger Volksblatt, das sich im Januar 1929 den Untertitel »Sozialrevolutionäre Wochenzeitung« zulegte; ab dem 2.1.1931 erschien dann nur noch das Hamburger Tageblatt als NS-Zeitung des Gaus Hamburg der NSDAP – ihr Motto lautete bis zur Machtergreifung von Adolf Hitler am 31. Januar 1933: »Den Staat zerstört man nicht – man erobert ihn!«

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Nachsatz: Leider war in der Druckausgabe der BARRIKADE zwo der Dreckfuhlerteifel heftigst am Werke und die Fußnoten und Quellen sind etwas durcheinander gepurzelt und verschwunden – hier nun (hopefully) als klor und richtich!

balken

BARRIKADE zwo


Barrikade zwo

– November 2009
36 Seiten A 4 – empf. VK-Preis: 3,- €uro
Bezug über Syndikat-@, Moers – www.syndikat-a.desyndikat-a@fau.org

zwo-tb

Inhalt:

Der 9. November – ein deutsches Datum

Das Problem ist nicht der Neoliberalismus, sondern der Kapitalismus
Interview mit dem ICEA – Spanien – Institut für Wirtschaftswissenschaften und Selbstverwaltung (CNT-AIT nahe)

Schwerpunkt:
Die unüberbrückbare Kluft – »Lakaien der Konterrevolution«
Die ideologische Auseinandersetzung zwischen der FAUD und der AAUD 1921
- Artikel aus dem Syndikalist und dem Kampfruf, Berichte der Politischen Polizei, Rudolf Rocker über »die Marxisten und wir« …

Die IWW und die Allgemeine Arbeiter-Union – Eine notwendige Klarstellung
- Eine heftige Auseinandersetzung zur IWW seitens der AAU-Positionen (Paul Mattick 1928)

Der Konterrevolutionär StD. Dr. Joachim Paschen – »Frieden, Freiheit, Brot!«
- Eine politisch-historische Auseinandersetzung ein rechtsextremen Positionen huldigendem Buch zur Hamburger Revolution 1918/19
u.a. Von der Hamburger Warte zum Fridericus (Berlin) – über F.C. Holtz

Rezensionen:
• Richard Müller – Der Mann hinter der Novemberrevolution
• Mit geballter Faust in der Tasche – Eine schwedische Klassenreise, die Auseinandersetzung zwischen Arbeiterklasse-Aktivist/innen und der Mumin-Linken

Und hier ein historisches Ton-Dokument: Noske erklärt seinen Erschießungsbefehl vom 12. Januar 1919 in Berlin