Archiv für Mai 2010

SFG-1

Am 11. Mai 1945 – vor 65 Jahren – erlaubte die britische Militärbehörden in Hamburg die Gründung einer Sozialistischen Freien Gewerkschaft. Ihr traten in kürzester Frist gut 50.000 Hamburger Arbeiter und Arbeiterinnen bei. Bereits am 20. Juni beendeten die Engländer ‚auf ihren Bajonetten‘ dieses Experiment einer sozialistischen Einheitsgewerkschaft.

Wir dokumentieren hier einen Beitrag von vor 30 Jahren zu diesem Thema aus dem anarchosyndikalistischen Industrierundbrief vom 1. Mai 1980:

► Vor 65 Jahren:
SFG wird sofort wieder verboten: „Auf den Bayonetten der Engländer …

Eine Woche nach dem Einmarsch der Engländer in Hamburg wurde an 11. Mai 1945 die SOZIALITISCHE FREIE GEWERKSCHAFT (SFG) gegründet. Auch diese Gewerkschaft verstand sich als Einheitsgewerkschaft. Ihr war allerdings nur eine kurze Existenz von sechs Wochen vergönnt, in der die alten Kräfte der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung der Weimarer Republik ihre politische Übereinstimmung mit der englischen Besatzungsmacht erkannten und die SFG zum Scheitern brachten.

All die alten sozialdemokratischen Kräfte (unter ihnen der ehemalige Hamburger Polizeisenator Adolph Schönfelder), die kaum Anteil am aktiven Kampf gegen den Faschismus hatten, wollten die sozialistische Richtung der straff organisierten SFG in eine »wirkliche gewerkschaftliche Richtung« (1) erzwingen. Denn die alten Gewerkschaftsführer, die schon vor dem Hitler-Faschismus kapituliert hatten, waren eher bereit, mit den englischen Besetzern zusammenzuarbeiten als eine wirkliche Arbeitereinheit herzustellen. Ihre eigenen Interessen standen wie immer im Vordergrund. Sie wollten keine Einheit, denn sie waren »reich an langer Erfahrung« und standen »dem Gedanken der Einheitsorganisation mit Skepsis, dem der betont sozialistisch ausgerichteten Gewerkschaft mit Ablehnung« gegenüber. Und das, obwohl sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung bei Wahlen (allerdings erst später) eindeutig für sozialistische Ziele (Vergesellschaftung der Großindustrie z.B.) einsetzte. Das aber interessierte Sozialdemokraten noch nie besonders. Ihre Interessen waren zu sehr mit denen der bürgerlichen Demokratie verbunden, als daß sie das Wagnis Sozialismus auch nur innerhalb einer gewerkschaftlichen Organisation aufnehmen wollten. Deshalb hintertrieben diese sauberen Männer den Aufbau der SFG durch eigene Absprachen mit der englischen Militärregierung und biederten sich als die »fachlich berufenen und wahren Vertreter der Hamburger Arbeiterschaft« an. »Um den Zustand der Führerlosigkeit der Hamburger Arbeiterschaft zu verhindern«, stellte man sich selbstlos der Militärregierung zur Verfügung, um eine neue Gewerkschaft zu gründen und zu führen. Mittlerweile hatten die Engländer kein Interesse mehr an einer »Einheitsgewerkschaft«.

Ab 20. Juni 1945 wurde dann die SFG aufgelöst, »weil alle wahrhaften Gewerkschaftsführer der Meinung sind, daß die politische Betätigung der SFG nicht den wahren Interessen der Gewerkschaftsmitglieder entspricht. Politische Betätigung oder politische Zielsetzung in den Gewerkschaften stehen nicht in Einklang mit den Anordnungen der Militärregierung. Sie würden im Falle der Fortsetzung nur zu einem schweren Rückschlag für die Gewerkschaftsbewegung führen.« Diese Entscheidung fällten die Gewerkschaftsführer, ohne die Mitglieder gefragt zu haben, denn Versammlungen waren damals verboten. So ist dieses Statement Ausdruck der bewußten Sabotage alter sozialdemokratischer Gewerkschaftsangestellter und ein direkter Angriff auf die aktiven antifaschistischen, auf soziale Neuordnung drängende junge Kolleginnen und Kollegen. Die alte Garde der SPD-Gewerkschaftsführer hatte erreicht, was sie wollte: den Aufbau einer unpolitischen, neutralen Gewerkschaftsbewegung. Aber genau die hatte 1933 versagt.

In einem Bericht jüngerer Gewerkschafter, die aus dem aktiven Widerstand gegen den Faschismus kamen, heißt es u.a. rückblickend auf die »Alten« der SFG bezogen: Sie »haben eine machtvolle einheitliche Organisation der Hamburger Werktätigen sabotiert, anstatt ihre organisatorische Erfahrung in den Dienst der SFG zu stellen. Statt dessen haben sie die SFG bei der Militärregierung in Mißkredit gebracht und sind nach der Auflösung der SFG auf den Bayonetten der Engländer zu den Leitern der neugegründeten Gewerkschaften geworden.«

Diese Gewerkschafter waren gegen eine politisch orientierte Gewerkschaftsbewegung, weil es nicht ihre politische Meinung war, die innerhalb der SFG maßgeblich war. Ihre politischen Vorstellungen gingen in eine andere Richtung als die der aktiven Antifaschisten. Für sie galt weiter die traditionelle Trennung von Partei und Gewerkschaft, sie wollten ihre SPD wiederhaben und keine Klasseneinheit, die aus den KZs kam. Einheitsgewerkschaft bedeutete für die SPD‘ler entweder nur Fortführung der nationalsozialistischen ‚Deutschen Arbeitsfront‘ (DAF) mit anderen Führern und anderer Ideologie – oder schlicht ‚bolschewistischen‘ Unfug. Beides lehnten die Hamburger SPD-Gewerkschafter ab. Und das, obwohl einer der alten ADGB-Führer, Wilhelm Leuschner, noch während des Dritten Reiches die Umwandlung der DAF in eine Deutsche (Staats-) Gewerkschaft mit Zwangsmitgliedschaft anstrebte, bevor er wegen seiner Widerstandstätigkeit hingerichtet wurde.
Die ‚neutralen‘ Gewerkschafter warfen den radikalen linken Arbeitern vor, daß sie »unter gewerkschaftlicher ‚Tarnung‘« Politik betreiben wollten. Sie selbst betrieben jedoch Politik, sie arrangierten sich mit der Militärmacht, kümmerten sich einen Dreck um die wirklichen Interessen der Bevölkerung. Sie machten schon wieder „hohe Politik“ durch Kurt Schumacher, der mit seinem Anti-Kommunismus viel Unheil stiftete.

So wurde der ‚Allgemeine Gewerkschaftsbund Hamburg‘ gegründet und die SFG aufgelöst.
-rt

(1) Zitiert nach dem Buch: Arbeiterinitiative 1945 (Peter Hammer Verlag), Abschnitt über die ‚SFG Hamburg‘, alle anderen Zitate ebenfalls aus diesem Buch.

Industrie-Rundbrief, Nr. 11, Mai 1980

Im Juni wird unsere Gewerkschaft, der ASK / VAB Hamburg-Altona in einer Veranstaltung an die SFG erinnern. Terminankündigung folgt demnächst hier.