»Frieden, Freiheit, Brot!« Die Revolution 1918/19 in Hamburg

paschen

Paperpack, ca. 240 Seiten,
81 z.T. erstveröffentlichte Abb., ISBN 3-934632-33-5,
Ladenpreis 24,90 €
DoBu-Verlag, Hamburg

Niemand erinnert sich gerne an die revolutionären roten Matrosen aus Kiel und die zur Rebellion bereiten Werft- und Hafenarbeiter. Klar, sie jagten den geliebten Kaiser vom seinem Throne und sein Reeder, Albert Ballin, dieser Arbeiter- und Matrosenschinder, nahm sich am 9. November 1918 aus Gram über diese Abdankung bzw. Verjagung das Leben – Selbstmord. Lange hätte Ballin wohl auch nicht auf seinem HAPAG-Direktorenposten verbleiben können, der Arbeiter- und Soldatenrat quartierte sich dortselbst nämlich ein. Das alles bedrückt unseren Herrn Studiendirektor Paschen noch heute ungemein.

Was man diesem Menschen zugute halten muß – er ist ehrlich. Sein Ansatz ist ganz interessant: einen Spaziergang durch die Ereignisse, sich auf sie einlassen, so tun, als ob das Ende offen ist – aber er hält es nicht durch. Er kann sich nicht verkneifen, im Vorgriff nachzutreten. Die Revolutionäre sind alles schlimme Finger, Krakeeler, Mordbrenner, Großmäuler, Feiglinge etc. Er schreibt mit der gehässigen Gewißheit jener, die auf der Seite der Sieger sind und den Revoluzzern immer schon mal was sagen wollten – und die können sich nicht wehren. Insofern muß ich mich korrigieren: es ist Die Welt vor ca. 30 Jahren mit etwas Hamburger Abendblatt: deutschnational ohne Antisemitismus (wenn’s auch schwer fällt). Herr Paschen hat wirklich interessante Quellen aufgetan, von den Bildern ganz zu schweigen – und er singt das Hohelied der Konterrevolution.

belagerung1919

Wie so ein Reaktionär noch auf junge Menschen losgelassen werden darf, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Wer die ‚Befreiung der Vaterstadt’ durch Freikorps Soldateska mit dem Totenkopf und Hakenkreuz am Stahlhelm feiert, der ist ein ganz übler Verherrlicher des aufziehenden Nationalsozialismus und der faschistischen Unterdrückung der Arbeiterbewegung. Eben ein echter Kapitalistenknecht, einer der ideologischen Handlanger der vielgerühmten »ehrbaren Kaufleute«, die nichts sind als elende Pfeffersäcke.

Joachim Paschen ist übrigens auch 1. Vorsitzender des Vereins „Film- und Fernsehmusum Hamburg e.V.“

Weist diesem Kerl die Tür!

isegrim

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Rezensions-Notizen:

Unter dem unverfänglichen Titel »Frieden, Freiheit, Brot!« veröffentlicht der Leiter der Staatlichen Landesbildstelle Hamburg ein Buch, das sich gewaschen hat.

Für Paschen zerfällt die Revolution in Aktionen von Schurken und Helden. Schauen wir uns erstmal die Helden an:

Helden
Da finden wir August Winnig, »den tapferen und selbstbewußten Anführer der deutschen Bauarbeiter, der Hamburg verlassen hatte, um als Generalbevollmächtigter des Reichs für die baltischen Lande mit deutschen Freiwilligen und englischer Unterstützung gegen den Bolschewismus zu kämpfen« (S. 77) – und, das vergißt Herr Paschen hinzuzufügen – die deutsch-baltischen Barone im Sattel und die bürgerlichen Unabhängigkeitsbewegungen in Schach zu halten, um das Baltikum für’s Deutsche Reich zu sichern. Der im Krieg einer der wüstesten Sozialimperialisten war, und als einziger hoher SPD-Funktionär und Oberpräsident von Ostpreußen sich mit den Kappisten 1920 verbrüdert hat. Herr Paschen kennt sogar Winnigs Buch »Vom Proletariat zum Arbeitertum« (1. Auflage 1930), in dem der wackere August den Antisemitismus fröhliche Urstände feiern läßt, und das Reichsminister Dr. Frick (NSDAP) 1933 lobte: »Das Buch verdient als Kampfschrift gegen den jüdischen Marxismus und für ein im Rahmen der deutschen Volksgemeinschaft idealistisch gerichtetes Arbeitertum weiteste Verbreitung.« Ja, Winnig ist so erfolgreich, daß Adolf Hitler (Reichskanzler, NSDAP) ihm 1933 die Leitung der DAF angeboten hat, Winnig lehnte jedoch ab. Sowas wird »tapfer und selbstbewußt« genannt. Herr Paschen hätte vielleicht einmal die Winnig-Biographie von Wilhelm Riebhegge lesen sollen , anstatt sie nur in seine Literaturliste einzufügen, dann hätte er sich diese Peinlichkeit ersparen können.

Dann sind da die »Bahrenfelder Zeitfreiwilligen«, eine »kleine, aber feine Truppe (…), bestehend aus einigen Hundert jungen Männern mit bartlosen Gesichtern, Söhne aus bürgerlichen Häusern, aufgerufen und gewillt, die Vaterstadt vor dem inneren Feind zu schützen« und deshalb »Gymnasium und Universität« vernachlässigen. Auf den »Kampf gegen Spartakus« wurden sie von dem »55-jährigen Major Paul Fromm und anderen Offizieren der Artilleriekaserne an der Theodorstraße in Bahrenfeld« vorbereitet (S. 159). Paul Fromm ist zweifellos auch ein Held, denn er hat sich »im Krieg gegen die Hereros und Namas in Deutsch-Südwestafrika« bewährt und die Bürgersöhnchen sicher teilhaben lassen an seinen Erfahrungen mit der Organisation von Völkermord, also wie man mit Eingeborenen umgeht, die sich der gottgewollten Ordnung, will sagen, der Herrschaft des weißen, und speziell des deutschen weißen Mannes über die niederen Rassen widersetzen. Und, sein wir ehrlich, Herr Paschen, die Proletarier, und ganz besonders die, die so unverschämt sind, die gottgewollte Ordnung von oben und unten infrage zu stellen (also »Spartakus«), stehen auf der gleichen Stufe wie die Hereros und Namas, bei deren Ausmordung Major Paul Fromm (55) sich seine Sporen verdient hat. Er ist also überaus qualifiziert, den »jungen Männern mit bartlosen Gesichtern« den Kampf gegen den »inneren Feind« beizubringen – zumal bei der Razzia gegen St. Pauli (der ersten ‚Bewährungsprobe‘ der »Bahrenfelder«), bei der »Säuberung des Aufstands- und Verbrechernestes«, meist »halbwüchsige rohe Burschen … den Wachen in die Hände fallen, aber auch sieben Schwerverbrecher« (S. 159/160). QED: Die Proletarier sind auch nicht besser als die Neger – also kann man genauso mit ihnen umspringen.

Auch ein weiterer ‚Afrikaner‘ ist ein Held des Herrn Paschen – keine Angst, nicht ein veritabler Einwohner des ’schwarzen Kontinents‘, sondern ein kerndeutscher Mann, der General Paul von Lettow-Vorbeck, der in Deutsch-Ostafrika während des 1. Weltkrieges einen zähen, mehrjährigen Kleinkrieg gegen die Briten geführt hatte – also selbst unter rein militärischen Gesichtspunkten sinnlos auf einem völlig unbedeutenden Kriegsschauplatz Menschen und Material vergeudet hatte. Seit 1919 war er wieder in Deutschland und setzte seine Erfahrungen mit aufrührerischen Negern und anderem Gesocks in weitaus größerem Maßstab (und ohne einen übermächtigen Feind im Nacken) um, im Auftrag der mehrheitssozialdemokratischen Reichsregierung. Nunja, bei Besetzung des Hamburger Rathauses wird die Fahne des Kaiserreiches aufgezogen. Deutschland war zwar seit über einem halben Jahr Republik und hatte eine verfassunggebende Versammlung gewählt, die den Kaiser mehrheitlich nicht zurück wollte – Lettow-Vorbeck hatte damit durchaus Probleme, was man einem kaiserlichen General vielleicht nicht übel nehmen darf. Allerdings darf man sich fragen, warum eine republikanische Regierung unter sozialdemokratischer Führung solchen Gestalten die »Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung« anvertraut hat. Und noch mehr sich wundern, warum der Leiter der Staatlichen Landesbildstelle Hamburg seine Sympathien für die kaiserlichen Wölfe im republikanischen Schafspelz kaum zurückhalten kann. Ist Herr Paschen vielleicht ein Zuspätgeborener?

In seinem biographischen »Epilog für die Personen des Dramas« (S. 219 ff) informiert uns Herr Paschen dankenswerterweise noch darüber, daß – wie gemein! – Lettow-Vorbeck wegen seiner Beteiligung am Kapp-Putsch den Abschied nehmen mußte, in der Inflation sein Vermögen verlor, für die antisemitisch-monarchistische Deutsch-Nationale Volks-Partei (DNVP) im Reichstag saß, unter Hitler nicht Reichskolonialminister werden wollte (wahrscheinlich ein Widerstandskämpfer der ersten Stunde!), und daß bei Lettow-Vorbecks Beerdigung 1964 nicht nur einige seiner treuen Askaris (afrikanische Söldner in Diensten der Kolonialmacht) anwesend waren, sondern auch der bundesdeutsche Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassell die Trauerrede hielt. Wie gesagt, ein Held …

Herrn Paschens größter Held im »Drama« ist allerdings die Wochenschrift Hamburger Warte und ihr Herausgeber Friedrich Carl Holtz, eine »Entdeckung (…), ein anti-revolutionäres Kampfblatt in der Hand eines Einzelkämpfers« (S. 10). Hier finden wir offenbar auch alles, was Herr Paschen uns über die Wertung revolutionären Ereignisse zu erzählen hat, vor allem, wie sie zu werten sind – F. C. Holtz und seine Hamburger Warte sind die Folie, die Herr Paschen auf die Revolutionszeit 1918/1919 legt, sein Leitfaden.

Wer aber war Friedrich Carl Holtz?
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Von Herrn Paschen erfahren wir folgendes: »Kurz vor dem Krieg hatte der junge Beamte im hamburgischen Staatsdienst mit Frau und Kindern seinen Abschied nehmen müssen [waren Frau und Kinder auch beamtet?], weil er sich zur Deckung seiner Schulden heimlich aus einer Vereinskasse bedient hatte. Das Geld wurde zurückgezahlt, aber der Makel blieb.« (S. 72) Nunja, eine läßliche Sünd‘ (wie die Bayern sagen), verglichen etwa mit dem Schurken Heinrich Laufenberg, auf den wir noch zu sprechen kommen.
F. C. Holtz jedenfalls ist »ein Mann der flinken Feder, der dieses Handwerk als Schriftleiter der Soldatenzeitung Im Schützengraben im Krieg gelernt hat« und »von der Westfront mit den norddeutschen Regimentern zurück nach Hamburg gekommen« war (S. 72) .

Nun ist eines bemerkenswert: während Herr Paschen für alle eingermaßen Prominenten der Hamburger Revolutionszeit in seinem abschließenden Kapitel »27. Epilog für die Personen des Dramas« (S. 219 ff) mehr oder minder ausführliche und ebenso mehr oder minder sympathische biographische Informationen liefert, findet sich zu F. C. Holtz – nichts. F. C. Holtz starb erst 1939, es gäbe also durchaus noch etwas zu erzählen, sollten die geneigten LeserInnen meinen. Stimmt.

Im Jahre 1924 etwa ist der Held des Herrn Paschen Herausgeber des Berliner Blattes Fridericus, einer scharf antisozialistischen, antidemokratischen, »zentrums«-feindlichen, antipazifistischen und antisemitischen Wochenzeitung« . Dort kommentiert F. C. Holtz die Verleihung der Professorenwürde an Heinrich Zille unter dem launigen Titel »Zille seine Namen«: »Der Berliner Abortzeichner Heinrich Zille ist zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt und als solches vom Kultusminister Otto Boelitz [Deutsche Volkspartei. D. Verf.] bestätigt worden. Verhülle, o Muse, Dein Haupt.«

Der Nestor der Soziologe in Deutschland, Ferdinand Tönnies, schrieb 1932, »Fridericus« ist »ein Muster jener Parteilichkeit … , die in offenbarer Schadenfreude ihren Genuß hat und zu gleicher Zeit den Schaden eines verhaßten Gegners in einem Lichte darstellt, das geeignet sein soll, den Schaden, wenn möglich, zu vergrößern.«
Vielleicht war Herrn Paschen aber auch etwas unwohl, vielleicht kannte er auch den Ausspruch Patrick Merzigers, daß F. C. Holtz von den Nazis »als ein ‚Pionier und Kämpfer für das nationalsozialistische Deutschland‘ betrachtet wurde«.

Schurken
Heinrich Laufenberg: nach Kriegsausbruch 1914 »Quertreiber« gegen die Burgfriedenspolitik und Kriegsunterstützung des Hamburger Parteivorstandes (35), der »eine alte Welt zerstören« will, während die Kriegsunterstützer »eine neue Welt schaffen« wollen (36) ; als Vorsitzender des A&S-Rates: »Niemand kann die Massen so betören wie er.« (38);

Pariser Commune: »Mit Bismarcks Hilfe waren damals die Mörder und Mordbrenner mit den roten Fahnen nach Belagerung und Aushungerung an die Erschießungsmauer in Paris gestellt worden.« (34)

Revolution, das ist »Pöbel« (40), »Raserei« (41)

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Recherche
Herrn Paschgens Recherche ist im übrigen auch nicht immer akkurat: so weiß er beispielsweise über das »unregelmäßig erscheinende Anarchisten-Blättchen ‚Alarm‘« (neben der »Hamburger Warte« seine zweite »Entdeckung«), daß sich »einige Exemplare in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig« erhalten haben (S. 10). Dabei hätte er im Hamburger Staats-Archiv, dem er als »der ergiebigsten Quelle« seinen Dank abstattet (S. 9) und dessen Foto-Fundus er so großzügig benutzen durfte, problemlos feststellen können, daß dort die ersten drei Jahrgänge (1919-1921) fast vollständig erhalten sind und, abgesehen von einem mehrmonatigen Verbot im Jahre 1919 (während Lettow-Vorbecks Militärdiktatur), der »Alarm« zumindest in diesem Zeitraum wöchentlich erschien.

J.S.

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Die Hamburger Warte des Herrn Friedrich Carl Holtz erschien am 16. Dezember 1918 zum ersten Mal mit einer Auflage von 3000 Stück: »Ein Leitartikel gegen den Arbeiter- und Soldatenrat. Ein Kampfartikel gegen die blödsinnige Revolution. Eine Sonderabrechnung mit dem Revolutionsdiktator Hamburgs.« – »Wir bringen eine Kampfschrift gegen die Bande heraus, die unser Deutschland in den Sumpf hineinzieht.« – »Mir aber erschien (ein) unterhatsames Wochenblättchen immer überflüssiger und eine scharfe Kampfschrift gegen die revolutionären Großmäuler immer notwendiger.« – »Ich begab mich täglich auf den Rathausmarkt, allwo der Pöbel demonstrierte und der Pberste Kriegsherr, Deserteur Lauffenberg, redete.«

Was der Studiendirektor Dr. Joachim Paschen von der parlamentarischen Demokratie hält, wird an diesem Originalzitat aus seinem Buch (Seite 141/142) mehr als deutlich. Und so einem Antidemokraten sind die Lehramtskandidaten in Hamburg ausgeliefert!

16. März 1919: »Die Glocken läuten heute besonders festlich … Aber es ist auch das Totengeläut für die Vormacht des Bürgertums in Hamburg: Alle rechnen mit einem gewaltigen Sieg der Arbeiterparteien bei der heutigen Bürgerschaftswahl. (…)
Es gibt wie erwartet eine deutliche Mehrheit für die große und die kleine Arbeiterpartei, nur 40 Prozent für die bürgerlichen Parteien, davon die Hälfte allein für die Deutschen Demokraten, Jubel auf der linken, Niedergeschlagenheit auf der rechten Seite. Das hamburgische Ancien Régime ist gestürzt: Die fein austarierte Balance zwischen Wirtschaftsmacht und Juristenverstand, die Hamburg in den fünf Jahrzehnten vor dem Großen Krieg Größe und Glanz als drittem Welthandelsplatz, nach Londion und New York, gebracht hatte, weicht dem demokratischen Gleichheitsprinzip, das den schwankenden Stimmungen der Massen entscheidenden Einfluss auf die Politik in der größten Seestadt Deutschlands überträgt. Zertrümmert ist das bislang verbriefte Recht der mehreren Tausend Grundeigentümer sowie der mehreren Hundert ehrenamtlich tätigen Bürger, der Notablen, auf jeweils ein Viertel der Sitze in der Bürgerschaft. Jetzt hat über Nacht die Mehrheit des Volkes das Sagen, eine parlamentarisch unerfahrene Mehrheit: Von den 160 neu gewählten Abgeordneten sitzen 101 zum ersten Aml in einem Parlament.« (Seiten 141/142)

Notablen – In der Stadtrepublik Hamburg erhielten die Notabeln in der Verfassung von 1859 eine Sonderstellung; der Begriff der Notabeln wurde für diejenigen Wahlberechtigten übernommen, die ihre Abgeordneten zur Bürgerschaft außerhalb der allgemeinen Wahlen entsandten. Die aus den Deputationen kommenden Notabelnabgeordneten sollten „ein Gegengewicht gegen die Tendenz der Alleinherrschaft gewisser Volksklassen“ sein. Der Einfluss der Kaufleute („Pfeffersäcke“) war erheblich.